Bolivarische Sozialismusfabriken

Eine Aluminiumhütte, ein Textilunternehmen, eine Tomatenfabrik, eine Fabrik, in der Kakaomasse produziert wird, und eine Papierfabrik sind die Schauplätze im Dokumentarfilm „5 Fabriken – Arbeiterkontrolle in Venezuela“ von Oliver Ressler und Dario Azzellini, der in der Vorwoche in Wien Premiere hatte. Schauplatz einer interessanten Diskussion über diesen Film – mit Regisseur Ressler und einem Aktivisten von „Hände weg von Venezuela“ am Podium – war das Filmcasino in Margareten. Zum politischen Hintergrund des Films: Würden in Österreich ArbeiterInnen eine Fabrik besetzen, dann wären binnen zehn Minuten Sondereinheiten der Polizei vor Ort, um den Wunsch nach Selbstverwaltung und sozialer Produktion im Keim zu ersticken. Anders in Venezuela. Dort steht die Staatsmacht hinter den ArbeiterInnen. So können sie etwa auf Kredite bauen, die ihnen gewährt werden, wenn sie die Produktion von einem abgewirtschafteten oder stillgelegten Unternehmen eigenmächtig wieder in Stand setzen, sich die Produktionsmitteln aneignen, die für ihre Kooperative notwendig sind.

Die besetzten Betriebe – in Lateinamerika produzieren mittlerweile rund 300 Betriebe unter der unmittelbaren Kontrolle der Belegschaft, manche im rechtsfreien Raum, andere völlig legal – verstehen sich mehrheitlich als Unternehmen sozialer Produktion, die durchaus unterschiedliche Antworten auf die Schlüsselfrage finden, wie ein Unternehmen im Rahmen des Kapitalismus Druck in Richtung Sozialismus machen kann.

Allein diese Fragestellung, die im Film explizit vom Präsident der Aluminiumfabrik, der seine Aufgabe als die Aufgabe eines Revolutionärs sieht, gestellt wurde, macht deutlich, dass das Modell der partizipativen Demokratie, das in Venezuela auch auf den Bereich der Wirtschaft angewendet wird, den Aufbau des Sozialismus anstrebt. Folglich fällt die Abgrenzung zu sozialdemokratischen Modellen der Mitentscheidung genauso deutlich aus wie die Ablehnung des Staatssozialismus der ehemaligen UdSSR. Mit Unternehmensstrategien, die derzeit unter dem Schlagwort Corporate Social Responsibility diskutiert werden, haben die in Venezuela gebildeten Arbeiterkooperativen allein schon aufgrund ihrer Zielbestimmung überhaupt keine Schnittmenge.

Gegenöffentlichkeit oder Propaganda

Der Film von Oliver Ressler und Dario Azzellini zeigt, da er nur die Betroffenen selbst zu Wort kommen lässt, authentische Einblicke in den oben skizzierten Prozess, der nicht, wie gerne in den kapitalistischen Medien behauptet wird, von oben verordnet, der Bevölkerung aufoktroyiert wurde. Demnach stellt der Film eine Gegenöffentlichkeit zu der in Europa dominanten, die bolivarische Revolution denunzierenden Berichterstattung dar. Eine Gegenöffentlichkeit, die bewußt darauf verzichtet hat, den politischen GegnerInnen eine Plattform zu bietet. Eine Entscheidung, die in der Diskussion angegriffen wurde und in der Behauptung gipfelte, dass der Film sowohl ästhetisch als auch inhaltlich an einen realsozialistischen Propagandafilm erinnere. Er zeige nur, so der Vorwurf, reibungslose Produktionsabläufe und wohlwollende Kommentare von AktivistInnen.

Diesem Vorwurf wurde in der Diskussion auf mehreren Ebenen begegnet. Einerseits wurde festgehalten, dass nicht jede Filmsequenz auch ein Symbol ist (Beispiel: ein die Leiter nach oben steigender Arbeiter stehe nicht immer für Fortschritt), andererseits wurde darauf hingewiesen, dass ein Film nicht automatisch zum Propagandafilm wird, nur weil er sich einem politischen Phänomen ausschließlich aus einer Perspektive nähert, zumal es sich bei dieser Perspektive um eine handelt, die ansonsten nur am Rand wahrgenommen wird: die der ArbeiterInnenklasse.

Insgesamt wurde in der Diskussion nicht nur die Dynamik auf der Betriebsebene, sondern auch das regionale Entwicklungspotential der Kooperativen durch die Einbindung der Communities und der weltpolitische Kontext thematisiert, vor dem die Besetzungen stattfinden und bewertet werden müssen.

Dieser Text von Bezirksaktivist Roman Gutsch erschienen zuerst in der Wochenzeitung akin am 30. Jänner 2007.


Rotpunkt - KPÖ Margareten
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