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Abschied und Wiederkehr

  • Tuesday, 15. May 2012 @ 20:22
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Ernst Hinterberger ist tot. Der Körper eines kleinen Mannes ist abgestorben, weil die Sauerstoffversorgung zusammengebrochen ist.
Mit dem Buch “Ein Abschied” hat er sich und die Welt, mit der er im Großen und Ganzen nichts mehr zu tun haben wollte, darauf vorbereitet. Ein sehr dunkles, sehr trauriges Buch eines alt und mĂŒde gewordenen Schriftstellers, der nach dem ĂŒberraschenden Tod seiner Frau resigniert hat. Er beschönigt nichts, er spart nichts aus, er beschreibt sich, Tod und Leben schonungslos und nĂŒchtern. Er bleibt sich damit treu bis zum letzten Atemzug, verrĂ€t sich nicht.
“Ich bin selbst ein Kleiner, der zwar durch das Schreiben die Großen kennen gelernt hat, aber trotzdem in kleinen VerhĂ€ltnissen weiterlebt” unterschĂ€tzte er sich, bescheiden wie er war, schon Zeit seines Lebens.

Er folgte seinem Credo, nicht ĂŒber irgendwas zu schreiben, sondern ĂŒber konkretes Leben und seine VerhĂ€ltnisse. Seine Botschaft war: “Man muss sich die Menschen anschauen.” Indem er die Menschen in ihren kleinen VerhĂ€ltnissen beschrieb, eröffnete er den Blick auf die großen VerhĂ€ltnisse, deren Chronist er fĂŒr mich tatsĂ€chlich war. Sein Sager: “Mein Schreiben hat mit Arbeiterdichtung nichts zu tun. Man sagt ja auch nicht Gauguin, ein Bankdirektor-Maler” lĂ€sst vermuten, dass er davon Kenntnis hatte.
Er war das reflektierende Bewusstsein seiner Klasse, die er, frei von intellektuellem Wahn, nicht einmal in den Himmel hob, ein anderes Mal verwarf, sondern, als Teil von ihr, ihre reale Verfasstheit kannte und beschrieb.
“Ich war praktisch von Geburt an links. Weil rechts hab ich schon ĂŒberhaupt nix verloren.” Mit seiner organischen Intelligenz analysierte er nicht nur seine Klasse und ihre Organisationen, sondern die ganze Gesellschaft mit ihren Klassen und KĂ€mpfen.
War es Alfred Hrdlicka, der leidenschaftlich und brachial Leid, Sehnsucht und Hoffnung aus dem Mauthausener Marmor schlug, um ein Fanal als Denkmal und Orientierung am Albertinaplatz den Nachgeborenen auf den Weg zu geben, waren es RĂ€ume, die Margarete SchĂŒtte Lihotzky aus der Kenntniss der BedĂŒrfnisse der konkreten Menschen und der LeistungsfĂ€higkeit modernster Baumaterialien ableitete und verdichtete, materielle und immaterielle RĂ€ume im menschlichen Maßstab, so war es Ernst Hinterberger, der das Edle im Unedlen erkennbar macht, indem er ĂŒber das tatsĂ€chliche Leben berichtet und aufklĂ€rt, das bĂŒrgerliche Spießertum und seine Doppelmoral mit Ironie demoralisiert. “Der Faber tauft wahrscheinlich auch Kondome.”
Seine Behauptung “das Leben ist eine Annahme”, wird so zur doppelten Botschaft. NĂ€mlich das Leben als solches, wie es ist, anzunehmen. Und dadurch, so denke ich, der notwendigen VerĂ€nderung zugĂ€nglich zu machen.

Im Roman "kleine Leute" schilderte Hinterberger die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung bis 1934 aus der Sicht einer Wiener Arbeiterfamilie und setzte 1989, der Sozialdemokratie zum 100.Geburtstag ihren Grabstein. “FĂŒr mich ist die SP heute eine liberale Partei, aber gekĂ€mpft wird um nichts mehr.”
Mit der KPÖ und ihren Anliegen war er auf verschiedenste, solidarische Weise verbunden. Im Linken Wort, am Volksstimmefest, als Schöpfer der Figur des Herrn Bezirksrat im KaisermĂŒhlenblues, in dem er einen Genossen aus dem 22. Bezirk verewigte, durch freundschaftliche Bande. Die wechselhafte “WĂŒrdigung” durch die Partei, die zwischen Kapitalistenknecht und “Fast Genosse” chargierte, nahm er mit Gleichmut zur Kenntnis, ignorierte Ignorantes.
Zur FPÖ viel ihm nicht viel, aber Substanzielles ein: “Heut wird nur noch gelogen, die Typen merken sich nicht einmal mehr, von wem sie ihre Millionen wofĂŒr bekommen haben.” Auf die Frage von STANDARD: “Die sind amoralisch?” antwortete Hinterberger: “Aber geh, das sind keine Leut.”

Dem italienischen Schriftsteller, Journalisten, marxistischer Philosophen und Kommunisten Antonio Gramsci wird der Satz zugeschrieben: “Man muss nĂŒchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.”

Ernst Hinterberger hat ein Werk geschaffen, das kulturpessimistisch gesellschaftliche Wirklichkeit beschreibt. Er hinterlÀsst eine gnadenlose Beschreibung der gesellschaftlichen KÀmpfe und ihrer Akteure, indem er sie nicht erklÀrt, sondern versteht. Er lotet bis zum letzten Zentimer aus, was Kunst kann. Sie kann gesellschaftliche Prozesse im Konkreten erfahrbar, erlebbar, verstehbar machen, sie kann von sich aus aber nicht verÀndern.

Die QualitĂ€t seines Werkes und der Angriff auf dessen Substanz zeigte sich schon zu Lebzeiten. “Der richtige Edmund aus dem ‘Salz der Erde’ war ein autoritĂ€rer Typ, der am End’ total gescheitert ist. Mein Mundl hat ĂŒberall verloren. Der Mundl ist nicht lustig. Ich hab die Freud’ verloren, als er zur Mickey Maus wurde.” Mit der Verwertung Sackbauers zum beklatschten Kultobjekt wurde schon klar, in welchem Mythos Ernst Hinterberger nun zu ersticken droht. Die lange Schlange der Pomfineberer der österreichischen Kunst, Kultur und Gesellschaft hat sich schon gebildet, rĂŒckt an, um sich die fĂŒr sie verwertbaren Filets herauszuschneiden, keck, arrogant, mit gnĂ€digem Schulterklopfen und mit der Gewissheit, nicht mehr als Werkfiguren vom Verstorbenen aufgeblattelt werden zu können.

Ernst Hinterberger hat sich mit seinem Leben, seinen Werten, seiner Bescheidenheit resistent gegen die Vereinnahmung aller Art gemacht. Seine Hinterlassenschaft, sein unermesslicher Schatz an Kenntnis der “Verdammten dieser Erde”, ist Herausforderung und Verpflichtung zugleich.
Kann sich im Sinne von Gramsci eine radikale Linke zum Optimismus der Tat, des Willens erheben, aufbauend auf dem Pessimismus der Vernunft, oder folgt sie dem Dichter: “Jetzt kĂ€mpf ich schon lange um gar nichts mehr. Es ist sinnlos, das wĂ€r’, als wĂŒrd’ ich in meinem Zustand gegen einen 1.96 Meter großen Riesen kĂ€mpfen.” Meiner Meinung wĂ€re sie gut beraten, Hinterbergers Recht auf Resignation aufzuheben in mutigen und kĂŒhnen Taten, deren Ausbleiben Hinterberer resignieren ließ.

PS:
Als ich vor mehr als 30 Jahren als Binnenmigrant nach Margareten kam, kannte ich niemanden. In Hinterbergers BĂŒchern lernte ich die Margaretner Charaktere kennen. Im wirklichen Leben konnte ich sie daher unschwer identifizieren.
Am Margaretenplatz, im Schloßquadrat begriff ich, warum Hinterberger nur Margareten brauchte, um die Welt und ihr Theater zu verstehen. Und dass der KaisermĂŒhlenblues eigentlich ein Margaretenblues ist. Padrone Stefano, die Bezirksvorsteher, die feine Gesellschaft und die gute Gesellschaft, die lange Geschichte von der BezirksgrĂŒndung durch Sezession ĂŒber die KĂ€mpfe im Reumannhof bis zur 5-er City. Hinterbergers Geschichte ist nicht zu Ende.
Die leeren Seiten fĂŒr die nĂ€chsten Kapitel liegen vor uns. Wir gehen in dunkle, kalte Zeiten. Aber wir sind nicht alleine.
Ob sein Werk mit uns verloren geht oder durch uns als Teil eines fundamentalen Aufbruchs an Bedeutung gewinnt, liegt nun an uns.

Wir haben einen Menschen verloren, der lieben, schöpfen und verzweifeln konnte.
Wir haben Einsichten und Kenntnisse gewonnen ohne die die große ErzĂ€hlung zum Gestammel gerĂ€t.
Danke Ernst Hinterberger. Ich verneige mich vor einem Großen.
Mein tief empfundenes MitgefĂŒhl den Hinterbliebenen.
Als Buddhisten glaubte er, dass der Tod religiös gesehen immer auch ein Neubeginn ist. Als Atheist weiß ich, dass sein Tod ein Neubeginn sein kann.
Ciao und Adelante Ernesto.
FĂŒr eine solidarische Gesellschaft.