Willkommen bei Rotpunkt - KPÖ Margareten Saturday, 4. December 2021 @ 14:21

Organische Tretminen versus gesellschaftliches Dynamit

  • Saturday, 4. June 2005 @ 14:58
30.000 kg Gemisch aus unverdaulichen Nahrungsrückständen, Wasser, Enzymen und Bakterien, kurzum: Scheiße, verlassen täglich den Verdauungstrakt von Wiens Hunden. Ein Großteil davon landet als übelriechendes Problem auf den Straßen und Grünflächen der Stadt. Über ein Dauerärgernis mit gehöriger Sprengkraft. Da mit Ausnahme einiger 500g-Hündchen, sogenannter Handtaschenhunde, kaum ein bellender Vierbeiner ein Katzenklo im Haushalt benutzt und viele Hunde über keine private Hundezone, sprich Garten, verfügen, ist zumindest ein Aspekt der Hundehaltung in der Stadt immer wieder Gegenstand heftiger Debatten: das Hundstrümmerlproblem. Ein Problem, das durch die dichte Population an Flohbeuteln stets von dampfend weich bis knorrig trocken präsent, allgegenwärtig ist. Immerhin leben in Wien rund 100.000 Hunde, die Hälfte davon illegal, weil ihre RudelführerInnen den Staat bescheißen wie ihre Lieblinge die Straße, in anderen Worten: Hundesteuer hinterziehen.

Genetischer Pfotenabdruck
Der neueste Vorstoß, um die Verschmutzung öffentlichen Raums durch Hundekot einzudämmen, geistert derzeit unter dem Begriff „genetischer Pfotenabdruck“ durch alle Medien. Der Vorsitzende der ÖVP-Hernals, Manfred Juraczka, regt an, dass von allen Hunden eine Speichelprobe entnommen werden soll, um künftig jeden widerrechtlich abgestellten Hundehaufen per DNA-Analyse eindeutig dem/der Verursacher/in zuordnen zu können. Der Überwachungsstaat ist also auf dem Hund gekommen und es wurde erneut, diesmal im wahrsten Sinne des Wortes, klargestellt, woraus der Traum lückenloser Kontrolle gemacht ist: aus Fäkalien. Die StoffwechselterroristInnen, diese Hunde, sollen vor der Staatsmacht endlich den Schwanz einziehen.

Erbrechen als Verbrechen
Das Anlegen einer umfassenden Speichelkartei von der Wiener Bevölkerung wäre übrigens die Voraussetzung um diesen Vorschlag auf nicht beseitigtes Erbrochenes, das ebenfalls belästigend empfunden werden kann, auszudehnen. Erbrechen als Verbrechen. Keine Rachenpizza wäre mehr anonym. Am rückwärts entleerten Mageninhalt würden fürs Auge unsichtbar eine Million und mehr Namenzetteln, die Strafzetteln zur Folge hätten, hängen. Eine saubere Stadt verlangt eben drastische Maßnahmen. Wer nicht kotzt, hat ja eh nichts zu befürchten, würden die BefürworterInnen argumentieren. Wer Bedenken hat, wem es hochkommt, hat was zu verbergen. Unschuldslämmer blöken nicht, haben kein schlechtes Gewissen. Den WienerInnen würde jedenfalls die Lust auf Speiseröhrenorgasmen außerhalb ihrer eigenen vier Wände gehörig vergehen.

Schmarotzender Einheitsbrei
Die Konsistenz der Gehirnmasse jener, die die organischen Tretminen mit gesellschaftlichen Dynamit entschärfen wollen, korrespondiert mit dem handelsüblichen Hundefutter, das breiig ist. Der freiheitliche Landtagsabgeordnete Kurth-Bodo Blind, dessen Weltbild ob der braunen Flecken ohnehin einem stinkenden Trümmerlboulevard gleicht, bestätigte diese These vor drei Jahren eindrucksvoll. Der FP-Recke konstatierte, dass es den HundehalterInnen nicht länger zumutbar sei, den Kot ihrer Schützlinge zu entfernen, da sich die Ausscheidungen aufgrund der Verwendung breiigem Dosenfutters zum Schlechteren verändert haben. „Wie man es reinschüttet, kommt es raus“, weiß der Rechtsaußen. Die mangelnde Festigkeit des Stuhls verlangt also nach einer beinharten, feisten Problemlösung, andere, namentlich Langzeitarbeitslose, AsylwerberInnen und Flüchtlinge, für das Aufsammeln, Wegputzen der weichen Häufchen einzuspannen. Welche Scheiße von Kopfnahrung Blind zu sich nahm entsprechend seiner Weisheit, das alles so rauskommt, wie es zu sich genommen wurde, kann nur mit Ekel erahnt werden. Rassistisch sei sein Vorschlag übrigens nicht, verteidigte er sich, denn immerhin habe er nicht zwischen Zugehörigen zum „deutschen Kulturkreis“ und anderen Menschen, denen vermeintlich breiiger Kot zumutbar ist, unterschieden. Vor breiigem Hundedreck sind offenbar alle, die durch den gesellschaftlichen Rost fallen, gleich, schmarotzender Einheitsbrei, der zu unliebsamen, widerlichen Arbeiten, häufig als gemeinnützig bezeichnet, herangezogen werden kann. So sieht ja auch Hartz VI sogenannte 1-Euro-Jobs – u.a. für Taubendreck putzen und Hundekot einsammeln – für Personen vor, die den Versuch unternehmen, von den wenigen Kröten Arbeitslosengeld ihr Auskommen zu finden. Dem biologischen Zwang der Hunde begegnen also auch Sozialdemokratie und Grüne mit staatlicher Zwangsarbeit.

Reaktionärer Riesenhaufen
So ärgerlich das Hineinsteigen in Hundeexkremente, so ärgerlich das Verhallen der Appelle an die Verantwortung der bei der Darmentleerung ihrer Hunde beschämt zur Seite schauenden TierliebhaberInnen auch sein mag, so gefährlich ist es, wenn versucht wird, diesen weitverbreiteten Ärger zur Durchsetzung und Akzeptanz undemokratischer Projekte, wie staatliche Totalüberwachung und Zwangsarbeit, zu instrumentalisieren. Die 100.000 Hunde Wiens können, zumindest meinem Dafürhalten nach, gar nicht so viele Haufen machen, das ich freiwillig in den riesigen, übelriechenden tappe, den reaktionäre PolitikerInnen angeblich im Dienst für die Sauberkeit machen bzw. zu scheißen gedenken.