Willkommen bei Rotpunkt - KPÖ Margareten Thursday, 2. December 2021 @ 16:40

Panorama für alle!

  • Thursday, 6. September 2007 @ 01:36

Wohin man auch blickt: es wird privatisiert. Ein Rundblick ergibt, dass längst nicht nur staatliches und kommunales Eigentum der Öffentlichkeit entrissen wird, sondern auch bislang als öffentliche Güter geglaubte Güter. So werden in Wien immer mehr Menschen vom schönen Ausblick über Wien ausgeschlossen. Die Privatisierung des schönen Ausblicks ermöglicht einen Einblick in die neoliberal gewendete Stadt- und Raumplanung der Wiener Sozialdemokratie. Panorama für alle war bis vor einigen Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Auf die Idee, Menschen mittels Privatisierungen von Plätzen, von denen man einen herrlichen Blick über die Stadt genießen kann, auszuschließen, wäre niemand gekommen. Eigentumsrechte am Panorama wären nicht durchsetzbar gewesen. Der schöne Ausblick hatte daher die Qualität eines öffentlichen Gutes; jetzt ist er Ware und keine billige noch dazu, wie u.a. das im Sommer 2007 eröffnete Luxushotel am Kahlenberg beweist.

Beispiel 1: Der frühere Sauberg als Aussichtsberg der Saureichen

Früher hieß der Kahlenberg aufgrund der großen Wildschweinpopulation Sauberg. Jetzt wird der Wiener Hausberg zu einem Aussichtsberg der Saureichen. Das „Austria Trend Hotel Kahlenberg“ wirbt mit einem „atemberraubenden 360° Ausblick“, der „ein Unikat“ ist und „das Auge bezaubert“. Dass das Glasmonster, das sich Hotel nennt, Sicht nimmt, Raum einnimmt, Menschen, die sich das „einzigartige Ambiente“, das „exorbitante Styling“ nicht leisten können, von einem der schönsten Plätzen Wiens verdrängt, trübt die Aussicht der reichen Gäste nicht, die sich den Blick auf Wien 200 € pro Nacht kosten lassen. Wobei angemerkt werden muss, dass die Suiten letztlich als luxuriöse Wohnungen zu betrachten sind und in Form von Suiten bloß deshalb vermietet werden, weil nur für ein Hotel eine Baubewilligung erteilt wurde.

Beispiel 2: Parasitäre Architektur – der Sozialbau als Podest fürs Penthouse

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen öffentlich geförderte Bauträger einen utilitaristischen Ansatz verfolgten. Am größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl wird sich heute immer seltener orientiert. In den 70er und 80er Jahren wurden noch für alle MieterInnen zugängliche Dachzonen als kommunikative Zentren der Anlagen und als Erholungsoasen in luftiger Höhe realisiert. Die Dachschwimmbäder des Wohnparks Alt Erlaa, von denen aus man einen wunderbaren, freien Blick über den Süden Wiens hat, sind wohl das bekannteste Beispiel für die erwähnte architektonische Haltung, die allerdings im Schwinden ist. Jetzt werden mit öffentlichen Mitteln Wohnhochhäuser realisiert, um subventionierten Wohnungen frei finanzierte Penthäuser aufsetzen zu können, wie das bei den Wohntürmen der Sozialbau AG auf der Wagramer Straße geschehen ist. Der Grund ist ganz einfach: Penthäuser können nicht schweben, sie brauchen einen Podest. Dass die sozialdemokratische Sozialbau AG diesen Podest aus Steuermitteln errichtet, ist ein Skandal, der kaum wahrgenommen wird. Die Penthäuser docken sodann wie Parasiten auf dem Rücken von Sozialwohnungen an; Wohnungen, deren MieterInnen nie in den Genuss kommen werden, einen Blick vom Dach machen zu können. Die von ihnen bezogenen Etagen geben nur den Blick auf das Nachbarhaus frei. Der schöne Blick wurde privatisiert.

Dieser Text von Bezirksaktivist Roman Gutsch erschienen zuerst in der Wochenzeitung akin am 4. September 2007.