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Neujahrsrede 20/21 von LINKS-KPÖ Bezirksrat und Klubobmann in Margareten, Wolf-Goetz Jurjans

  • Tuesday, 5. January 2021 @ 13:41

Liebe Wiener*innen!

Das Wichtigste zuerst (und ich glaub, da sind wir uns einig): Kein Wiener Kind, kein Wiener Mensch darf diesen Winter frieren!!! Unterstützen sie bitte die Petition Wärme ins Dunkel. Für eine kostenlose Energieversorgung der Bedürftigen der Stadt im Jahr 2021. Teilen sie bitte! Teilen ist in, Teilen ist angesagt, Teilen ist modern. Teilen sie, bis sie ins Schwitzen kommen.

Erlauben sie mir bitte, in dieser Zeit organisierter Unsinnigkeit, sehr persönlich zu werden. Ich lade sie zu einem - hoffentlich für sie kurzweiligen - Film in mein Kopfkino ein.

Szene 1:

Gestern erhielt ich Post von meiner lieben Freundin Katharina.
Sie schrieb:
„Ihr lieben, lieben Menschen! Mich haben so viele gute Wünsche zu meinem Wiegenfest erreicht, dass ich das Gefühl habe, dass alles Böse einfach an mir abprallen wird. Das ist gut so. Das sollten wir alle ständig für einander tun. Darin liegt so viel Kraft. Es hilft bei Mutlosigkeit, bei Traurigkeit, bei Wut und auch bei dem Gefühl, das ich gestern stark hatte: dem Wissen um die Vergänglichkeit. Das ist ein schwieriges Gefühl. Es kann auf der einen Seite bedeuten, dass auch die grauenhafteste Zeit ein Ende haben wird, aber eben auch, dass die Zeit mit den liebsten Menschen ein Ablaufdatum hat. Das tut weh. Das lässt sich nicht beruhigen. Da steht Abschied drauf und der ist schwierig.
Um so mehr gilt es das Schöne, das Helle, das Liebende, das solidarische Miteinander, das Tanzen und Singen zu sehen, wertzuschätzen und zu feiern. Darin liegt vielleicht der eigentliche Sinn dieser rätselhaften Existenz ... und die eigentliche Kraft. Angesichts von so viel Sprühen und Schwirren, Lodern und Knistern, Schmusen und Halten schmilzt das weniger Schöne, das Hässliche, die Angst und die Gier einfach dahin. Aus, Schluss, weg.
Also ich werde das die nächsten 365 Tage mal so versuchen:))

Umarmung! K

Szene 2:

Nach diesem nachdenklich-optimistischen Anschieber von Frau K. verspürte ich Lust auf mehr davon. Ich setzte mich hin und schrieb:
Im heutigen Nicht-Silvester, in der eigentlichen stillen Nacht, haben wir Gründe, zu vertrauen.

1. Das Jahr 2020 endet mit der letzten Sekunde von selbst und beginnt mit der ersten Sekunde 2021 aufs Neue.
Dafür sorgen die Sterne und ihr System, das wir ahnungslose Menschheit langsam beginnen, bis zum Urknall zu durchschauen. Theoretisch. Wir können also darauf vertrauen, dass 2021 zu Ende gehen wird, ohne dass der Komet kommt, der uns vernichtet, der uns erlöst von dem Übel, der Schuld an unserem Untergang ist, der uns als Opferlamm dienen könnte, das wir schlachten wollen. Was wir tun müssen? Nix!

2. Wir können weiters darauf vertrauen, dass dank eines im Gegensatz zu uns schnell mutierenden Transform Virus, der zielstrebig sein Programm abarbeitet, auch die folgenden Jahre in Silvster-Grabes-Stille, sehr zur Freude der Hunde, nicht gefeiert werden wird. Theoretisch.
Was wir dazu tun müssen?
Wir haben 2 Möglichkeiten, etwas zu tun. Die Regierungsvariante: Nix!
Oder die Zivilgesellschaft tut das, was sie schon 2015 gemacht hat. Die Verantwortung und die Regierungsarbeit selbst übernehmen und den Karren aus dem Dreck ziehen.
Mit Mund und Nasen Schutz, Abstand halten, mit Charakter und Rückrat.

3. Wir erleben wieder ein historisches Rekordhoch der Aktienkurse auf den Börsen. Als sie das letzte Mal dort hinaufgeklettert sind, stand ihr Absturz kurz bevor und riss Millionen Menschen in den existenziellen Abgrund. Was wir dagegen tun können? Realistisch betrachtet, so wie es die Titanic-Leugner und die neoliberalen, radikalen Kapitalismus-Fanatiker meinen: Nix. Und alles wird gut.
Oder es finden sich jetzt vermehrt Menschen, die Besseres vorhaben und ihre Vorhaben verwirklichen.

SZENE 3:

Wir können aber auch darauf vertrauen, dass am Ende des Jahres jede eine kennen wird, die ein Kind geboren haben wird. In Wien werden es mehr sein als diejenigen, die uns verstorben sind.
Am Versuch, den Geburtskanal für Kinder der Unterschichten zu sperren, ist die österreichische Bundesregierung ebenso gescheitert, wie an fast allen anderen Zielen, die sie sich ins Regierungsprogramm geschrieben hat. Enttäuscht darüber krallen sich erfolgsverwöhnte egomanische Soziopathen an unsere Schutzbefohlenen in den Lagern fest, in denen sie sie konzentriert haben. Aber noch jedes KZ wurde bisher befreit. Die Frage wird sein: Wann?

Unsere Kinder, die aus der Wiener Apartheit light und die aus den Kriegsgebieten der Welt, haben sich auf den Weg gemacht. In Wien haben sich schon viele einen höheren Bildungsgrad erworben und stellen die Frage, warum die Ungerechtigkeit in Wien und weltweit scheinbar alternativlos ist. Sie haben die Waffe der Intelligenz, der Fähigkeit, abstrakt zu denken, Zukunft zu gestalten, in ihre Hand genommen, sie schreiten fort, organisieren sich. Mit LINKS, LINKS-KPÖ, als Wandel, als Juli usw. in vielen Wiener Bezirksparlamenten. Das ist so.
Die Elenden in den Lagern, die von Bildung abgeschnitten werden, werden die Last ihrer Traumatas noch Generationen vererben. Ihre Bereitschaft, sich in eine egoistische Spaßgesellschaft zu integrieren wird überschaubar sein.
Auch das ist so.
Beide in ihrem Kampf zu vereinen, scheint heute undenkbar. Aber wir wissen nach den letzten 100 Jahren: "Das Undenkbare ist möglich.“
Im Schlechten wie im Guten.

SZENE 4:

Dann hielt ich inne und unterbrach meine Kettenraucherkette. Im nächsten Jahr hör ich auf. Ok. Mit den 4 Ampeln wirds mir gelingen. Wie kann ich meine Botschaft handgreiflicher, konkreter, verständlicher machen:
Ich versuchs einmal mit einer Sportmetapher:

„Mir scheint dieses Silvester eine Silvestra zu sein. Ein Nummerngirl, das der blutgierigen Masse mit ihrem perfekten Körper das kommende Gemetzel schmackhaft macht. Das die nächste Runde im Kampf der Klassen anzeigt. Das eine Minute Zeit gibt, den Mundschutz rauszuwürgen, in den Kübel zu spucken, die Risse in der Haut zu verkleben, und tief durchzuatmen. Die Schreie des Trainers im Ohr, weiterhin geduldig, die nicht abwehrbaren Schläge zu ertragen und auf den Moment zu warten, in dem der Gegner eine Deckungslücke aufmacht. Und dann alle Kraft in diesen einen Schlag zu stecken."

SZENE 5:

Da stürmt gemessenen Schrittes die Dreifaltigkeit Nelson Mandela, Schütte-Lihotzky und Gregor der Zweite herein und sie schütten Kübel kalten Wassers über mich. Mich schüttelst.
Wach auf, Genosse, sagt die Grete ,,lass doch die Idioten, unfähig, die Krisen zu bewältigen, Schuldige suchen, suche du nach Lösungen. Du bist klein, aber nicht allein. Schau dich um. In Margareten. Welche kreative, widerständige Energie sich dort versammelt hat. Welch linke, lebensfreudige Menschen mit Herz, Hirn und Charakter. Sieh dich um in Wien, erkenne die Menschen, die sich erstmals fragten: Was ist eine Verfassung. Was ist eine Demokratie? Warum haben wir davon zu wenig? Menschen, die Helfen, die sich mit der Freude der Geholfenen entlohnen.
Da fallen mir Stefanie und Michelle ein, die mit ihren täglichen Storys aus dem Hotel Backoffice meine Schrittmacher*innen des Alltags sind. Ich erinnere mich dunkel an meine Ex-Vorgesetzte Curly Sue, die stark, konsequent, manchmal unerbittlich, die mit „Lachen hilft“ ihr Profil schmückt.
Und die ich heute in einem anderen Licht sehe. Auch mir geht manchmal eines auf. Natalia fällt mir ein, die Bachantin, die mir als Muse wöchentlich Lust und Freude schenkt, die mir auch in ihren dunkelsten Wochen das Gefühl gibt, so etwas wie ein Künstler zu sein. Dann fall ich mir letztlich selbst ein und mein naiver Wunsch, die scheinbare Unmöglichkeit zu tun: Die beiden Zerstrittenen Grazien wieder unfallfrei zusammenzuführen. Schau ma mal. Trotzdem wir wissen: Karma is a *censormode*.

SZENE 6:

Hin und hergerissen zwischen denjenigen, die sich Realisten nennen, unfähig, die Vision zum verfolgbaren Ziel zu malen, und den Illusionisten, die bewusstlos wie die Hündchen der Silikon-valley Traumfabrik zulaufen, kehre ich zu Katharina K., Katharina Stemberger, zurück:
Wie schrieb sie?
„Angesichts von so viel Sprühen und Schwirren, Lodern und Knistern, Schmusen und Halten schmilzt das weniger Schöne, das Hässliche, die Angst und die Gier einfach dahin. Aus, Schluss, weg.“
Aber halt: Denk ich, denken wir:
Es wird nicht schmelzen von alleine.
Machen wir es möglich durch die Tat.
Liebe Wiener*innen und Wiener:
Unterschreiben sie die Petition Wärme ins Dunkel. Kein Wiener Kind, kein Wiener Mensch soll diesen Winter frieren und im Frühjahr auf der Straße stehen.
Verbessern wir die Welt. Was sonst? Jede kann was tun, jede muss was tun, jeder, der Interesse an sich selbst hat, wird was tun.

SZENE 7:

Die Runde 2021 wird eingeläutet.
Allen jenen, die sich heute nicht still verhalten werden und wollen widme ich den Zuruf, dem einst Hans Orsolic galt:
Hansi, dua d Händ aufi!!! 2021 Kumm wannst die traust.
Bewegt euch. Am besten im ¾ Takt: Alles Walzer:
Take this Waltz